Eine Mischung aus Bundestrend, Lokalthemen und Persönlichkeitsaspekten – so lässt sich aus Sicht der UWG das Ergebnis der Kommunalwahl vom 11. September am besten charakterisieren. Künftig können SPD und Grüne im Stadtrat durchregieren, ohne auf andere Fraktionen oder den Oberbürgermeister angewiesen zu sein. Die Wählerinnen und Wähler haben damit eine glasklare Entscheidung getroffen. Zugleich gibt es ein deutliches Signal für den Wunsch nach einem neuen Politikstil: Unabhängige und Piraten haben zusammen fast fünf Prozent erreicht.
Dass es tatsächlich zu Rot-Grün kommen wird, steht außer Frage. Die Grünen müssen selbstverständlich auch mit der CDU sprechen, um den politischen Preis für die SPD nach oben zu treiben. Das gilt zum Beispiel für Symbolprojekte wie den Bau der Westumgehung. Hier wird es lediglich spannend, ob die Grünen die SPD zwingen können, das Projekt endgültig zu beerdigen, oder ein Formelkompromiss gefunden wird, der den Konflikt auf die Zeit nach 2016 schiebt. Mehr als unwahrscheinlich ist es dagegen, dass die Grünen der SPD Zugeständnisse bei der FMO-Startbahnverlängerung oder dem A33-Weiterbau abringen können.
Die CDU kann sich also nur bedingt über ihr Wahlergebnis freuen. Auf der Habenseite ist zu verbuchen, dass sie weiterhin die stärkste Ratsfraktion stellt – wenn auch mit dem Verlust eines Sitzes. In Zahlen: Während insgesamt nur 1,7% weniger Stimmen abgegeben wurden, büßten die Christdemokraten gegenüber 2006 9,6% ihrer Stimmen ein. Das reicht immer noch für einen Stimmenanteil von 35,2%. Aus ihren 18 Sitzen resultiert für die Christdemokraten in der kommenden Ratsperiode aber lediglich ein gewisses Prestige, denn sie können anders als in den letzten fünf Jahren keine eigene Mehrheit mehr zustande bringen. Die inhaltlichen Schnittmengen mit den Grünen – vor allem aber die kulturellen Gemeinsamkeiten – sind entgegen dem aktuellen Wortgeklingel für eine dauerhafte Zusammenarbeit nicht ausreichend.
Ein etwas zwiespältiges Ergebnis also für die CDU, das jedoch absolut dem Bundestrend entspricht. So muss es für die Christdemokraten wie eine nette Dreingabe wirken, dass sie die Distanz zur SPD deutlich von einem auf drei Ratssitze vergrößern konnten. Auch für die Sozialdemokraten gilt: Ihr Stimmenanteil von 29,9% liegt absolut im Bundestrend. Das mag darüber hinwegtäuschen, dass die SPD damit in Osnabrück so schlecht abgeschnitten hat wie noch nie in jüngster Zeit. Eine Stimmenzahl von minus 15,1% schlägt heftig ins Kontor. Zu dem nun vergrößerten Abstand zwischen CDU und SPD kann in einem gewissen Umfang natürlich auch die groß angelegte Anti-Neumarkt-Kampagne beigetragen haben; entscheidend war dies aber letztlich nicht.
Die Grünen sind mit einem Stimmenanteil von 20,9% strahlender Sieger dieser Kommunalwahl und haben – vorerst – den Wettstreit gewonnen, ob sie oder die FDP die stärkere liberale Partei sind. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch dieses Ergebnis liegt voll im aktuellen Bundestrend; weder ist die grüne Ratsfraktion zwischen 2006 und 2011 so stark gewesen, dass sie eine Fast-Verdoppelung der Stimmen um 70,4% verdient hätte, noch die FDP so schwach, dass der Wähler ihre Stimmenzahl hätte um 54,3% mehr als halbieren müssen. Die FDP hat bei dieser Kommunalwahl jedoch noch so gerade mit 4,6% Stimmenanteil aus dem Abgrund “herausgerissen”, dass sie über sehr starke Persönlichkeiten wie Dr. Thomas Thiele und Marita Sliwka verfügt, die Stimmen zogen. Bei der FDP erhielten die Personen ein Drittel mehr Stimmen als die Liste.
Die Linke ist und bleibt in Osnabrück ein Phänomen. Im Rat machte Christopher Cheeseman als einziger Linken-Vertreter durch bildhaft-putzige, meist aber nicht sehr substanzielle Redebeiträge auf sich aufmerksam. Seine Anträge ließen häufig den konkreten Bezug zu Osnabrück vermissen. Im Wahlkampf fiel die Linke ebenfalls nicht auf (und wurde deshalb auch auf dieser Seite nicht weiter behandelt). Dementsprechend ist es wohl kein Wunder, dass sie sich zwar mit plus 37,6% Stimmen auf Fraktionsstärke steigern konnte, aber mit einem Stimmenanteil von 3,4% deutlich hinter den Bundestrend zurückfiel. Hier mangelt es ganz offensichtlich an Basisarbeit – am fehlenden Potenzial für die Linke kann es in Osnabrück nicht liegen.
Und die UWG? Zwei Wahlziele verfehlten die Unabhängigen klar: in Fraktionsstärke – also zwei Sitzen – in den Rat einzuziehen und eine klare Mehrheit im Rat zu verhindern. Zwar lag der Stimmenanteil mit 2,9% höher als 2006, und auch die absolute Zahl der Stimmen konnte um 27,0% gesteigert werden; angesichts der hohen Wahlerwartung war dies jedoch deutlich zu wenig. Erst bei einem Zuwachs um weitere rund 100 Stimmen zu Lasten von Mitbewerbern wäre das zweite Ratsmandat erreicht worden. In den Ergebnissen wird deutlich, dass die UWG weiterhin stark ist in den Außenbereichen der Stadt. Dort verbreiten sich Themen deutlich schneller als anderswo, und auch Kandidaten erreichen höhere Bekanntheitsgrade. Ein Schwerpunkt ist allerdings neu: Stimmenzuwächse erhielt die UWG auch dort, wo sie glaubwürdig auf konkrete Missstände hinwies, wie etwa an der Westumgehung und am Limberg.
Offensichtlich ist es darüber hinaus in Osnabrück kaum möglich, mit einem weitgehend auf Eigenleistung und völligem Verzicht auf Fremdspenden beruhendem Wahlkampf signifikante Stimmenzuwächse zu erzielen. Dies gilt zumindest dann, wenn eine in den Massenmedien präsente Dachorganisation fehlt. Dass dies auch anders geht, zeigen die Piraten, die aus dem Stand einen Stimmenanteil von 2,0% erzielten. Für die UWG ein klares Signal: Die Piraten, die auf praktisch identische Kernthemen setzten, konnten damit vor allem in der jüngeren Generation punkten, während die Unabhängigen eher in der älteren Generation Unterstützung fanden. Ein schönes Spiegelbild dieser Tatsache ist das unterschiedliche Durchschnittsalter der beiden Listen.
Was folgt daraus für die Zukunft? Die Forderung nach mehr Ehrlichkeit, Offenheit und Mitsprache wird stark an Bedeutung gewinnen, wenn SPD und Grüne beginnen, ihre neue Machtposition auszunutzen. Eine Herausforderung sowohl für Piraten als auch UWG, die gemeinsam 4,9% der Wählerinnen und Wähler repräsentieren – mehr als FDP und Linke. Die nächste Ratsperiode wird spannend. Und zwar so spannend, dass die Wahlbeteiligung 2016 nicht noch weiter sinken, sondern wieder steigen wird. Ein guter Anfang ist gemacht.